Müssen es Topmanager der Generation Y rechtmachen?

Müssen es Topmanager der Generation Y rechtmachen?

Müssen es Topmanager der Generation Y rechtmachen? 1024 683 Claus Verfürth

„Wie die Gen Y die Arbeitswelt revolutioniert“ – Schlagzeilen wie diese sind immer wieder zu lesen. Unzählige Experten und Artikel zeichnen ein Bild, das nur einen Schluss zulässt: Unternehmen – und damit auch das Topmanagement – müssen möglichst alle Anforderungen der jungen Talente erfüllen, um auf dem wachsenden Arbeitnehmermarkt im Kampf um die besten Köpfe zu bestehen. Doch ist es tatsächlich eine richtige und notwendige Strategie, sich der Bedürfnisse einer Mitarbeitergruppe zu fügen?
Aus meiner Sicht ist diese Schlussfolgerung falsch, weil sie zu kurz greift. Denn: sie verliert alle anderen Mitarbeiter aus dem Blick.

Was fordert die Gen Y tatsächlich?

Die Generation Y mag zwar die erste sein, die direkt beim Start in die Berufswelt selbstbewusst klare und für traditionell geprägte Unternehmen veränderte Anforderungen an ihren Arbeitgeber stellt. Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass ebendiese Generation besonders fordernd auftritt. Vielmehr stehen Bedürfnisse im Vordergrund, die als Reaktion auf die sich verändernde Arbeitswelt verstanden werden können. Dazu zählen Raum für Work-Life-Balance, Sicherheit und gleichzeitig auch Flexibilität, ein gutes Arbeitsklima, der Wunsch nach mehr Beteiligung an Entschiedungen sowie flache Hierarchien im Unternehmen.

Doch wo kommt das her? Vielleicht haben Arbeitnehmer der Generation Y in ihrem bisherigen Werdegang weniger für Dinge kämpfen müssen. Vielleicht war in der Schulzeit und der Ausbildung Vieles möglich und der Weg vorher geebnet. Und deshalb besteht häufig die Vorstellung, dass alles möglich ist in einem Unternehmen.

Dort stoßen sie dann aber – vielleicht das erste Mal in ihrem Leben – auf Widerstand.

Die Arbeitsmarktsituation ändert sich für alle

Die Arbeitswelt verändert sich derzeit sowie in Zukunft, grundlegend. Die Hauptgründe dieser Veränderungen sind aber nicht die Anforderungen der Gen Y an die Unternehmen. Vielmehr wird immer deutlicher, dass die digitale Transformation und viele weitere neue Technologien, Geschäftsmodelle obsolet machen und ganze Branchen in ihrer Existenz bedrohen. In den nächsten Jahren werden neue Geschäftsfelder und mit ihnen neue Berufe und Tätigkeitsfelder entstehen. Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Mitarbeitern ist groß und wird sich weiter steigern. Es scheint also grundsätzlich alles möglich. Dies inspiriert zu großen Karriereträumen, sorgt aber auch gleichzeitig für viel Unsicherheit.

Die Arbeitswelt ist also zunehmend gekennzeichnet von einer großen Unsicherheit und damit wird auch die Frage nach Arbeitszeit- und Arbeitsortflexibilisierung immer wichtiger. Nicht nur vor dem Hintergrund, dass bestimmte Berufsgruppen von Mitarbeitern eines Unternehmens grundsätzlich von überall aus zusammenarbeiten können. Zum Beispiel haben – wie in vielen anderen Unternehmen auch – am neuen Microsoft-Standort in München die Mitarbeiter gar keinen eigenen Arbeitsplatz. Dort stehen verschiedene Zonen für gemeinsame Projektarbeit, Besprechungen oder auch konzentriertes Arbeiten zur Verfügung. Und auch in vielen anderen Unternehmen können viele Mitarbeiter häufig auch einen Teil ihrer Aufgaben im Home-Office bearbeiten.

Wertewandel und Arbeitswelt

Auch der individuelle Stellenwert von Arbeit im Leben des Einzelnen befindet sich im Wandel. Die gegenwärtige Generation der Topmanager gibt der Arbeit noch großen Raum im Leben. Bei den Vertretern der Generation Y sieht das jedoch schon anders aus. Die Mentalität: morgens als Erster kommen und abends als Letzter gehen, wird kaum noch gelebt.

Das heißt aber nicht, dass die Jungen allesamt faul und wenig leistungsorientiert sind. Ihnen ist es ebenso wichtig gute Arbeit zu leisten und erfolgreiche Karrieren zu bestreiten – aber eben nicht um jeden Preis. Und erst recht nicht zu Lasten des Privat-/Familienlebens. Diese Trendwende hat ihren Ursprung jedoch nicht zwingend in der bloßen Haltung der Generation Y zu Arbeit und Leben. Vielmehr ist die Rückbesinnung auf traditionellere Werte wie Familie, Freunde und Freizeit eine Reaktion auf die immer instabileren Arbeitsverhältnisse der Gegenwart und Zukunft.

Disruptive Innovationen und die Veränderungen von Branchen und Geschäftsmodellen lassen die Menschen unsicherer werden.

Die Suche nach Stabilität in Werten und privaten Beziehungen ist daher mehr als logische Konsequenz, denn als Forderung der Generation Y zu verstehen. Diesem veränderten Blickwinkel auf Arbeit müssen sich Unternehmen heute stellen und darauf reagieren. Insbesondere Topmanager und Führungskräfte müssen dafür sensibilisiert werden, denn sie sind dafür verantwortlich, die Lebenswelten und Bedürfnisse aller Mitarbeiter in Einklang zu bringen.

„Die da oben“ müssen als Teil des Teams verstanden werden

Individuelle und gute Mitarbeiterführung ist ein sehr wichtiger Bestandteil des notwendigen Wandels und der Transformation der Märkte. So sollten Führungskräfte und Topmanager im Idealfall nicht mehr nur „die da oben“ sein, sondern auch wissen, was ihre Mitarbeiter bewegt, sie inspirieren und motivieren. Dank der digitalen Kommunikationstechniken ist das natürlich kein Problem, könnte man denken. So einfach ist diese Rechnung jedoch nicht. Senior Executives müssen ihre Mitarbeiter, trotz aller Freiheit und Flexibilität, gelegentlich noch immer an einen Tisch bekommen – und sei es der Virtuelle.

Das Individual- und Gruppenverhalten sind weiterhin wichtige Variablen, an denen der Erfolg von Führungsverhalten gemessen wird. Dafür müssen Sie als Topmanager ihre Mitarbeiter kennen(lernen) und dürfen den Einzelnen nicht aus den Augen verlieren. Als moderner Leader sorgen Sie für Transparenz im Umgang miteinander sowie in Bezug auf vereinbarte Arbeitsprozesse. Sie geben Ihrem Team die nötige Handlungsfreiheit, führen aber ebenso mit klaren Zielvorgaben; ohne den Weg bis ins Kleinste vorzugeben.

Hype oder echter Wandel?

Die Frage, ob Senior Executives es den Mitarbeitern der Generation Y immer recht machen müssen, beantworte ich entschieden mit Nein. Wenn Sie verstärkt nur auf die Bedürfnisse eines kleinen Teils der Belegschaft eingehen, verunsichern Sie die übrigen Mitarbeiter. In heterogenen Teams kann es dann durchaus zu Irritationen kommen, wenn unterschiedliche Bedürfnisse an Arbeit und Arbeitsbedingungen aufeinandertreffen und unterschiedlich behandelt werden. Als Topmanager und Teamleader müssen Sie alle Mitarbeiter im Blick behalten. Es gibt Unternehmen, die wegen der Generation Y das Ruder komplett herumreißen und sich nur noch an den Bedürfnissen der Generation Y orientieren. Das ist ein Fehler.

Ältere Mitarbeiter fühlen sich in einem solchen Umfeld möglicherweise gar nicht mehr wohl.

Letztlich gilt es zu unterscheiden, ob Mitarbeiter aus einer temporären Laune heraus gegen bestehende Strukturen „rebellieren“, oder ob tatsächlich ein Ruck durch die Arbeitswelt geht. Aber: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Im Falle der Generation-Y-Debatte halte ich es für sinnvoll, nicht jeden medialen Aufruf auf die Goldwaage zu legen. Die konkreten Veränderungen der Arbeitsmarktsituation durch die digitale Transformation betreffen alle Arbeitnehmer, in allen Unternehmen. Weltweit. Daher kann es durchaus sein, dass sich „das neue Anspruchsdenken“ der Gen Y im Arbeitsalltag zum Teil ähnlich abschleifen wird, wie das Anspruchsdenken bei der 68´er-Generation. Die Unternehmen müssen aber auf Sicht die Frage beantworten, wie sie grundsätzlich mit sich verändernden Ansprüchen der Mitarbeiter umgehen wollen.

[Bildnachweis: © iStock.com – monkeybusinessimages]

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Claus Verfürth

Claus Verfürth ist Managing Director und Partner bei The Boardroom, dem von Rundstedt Beratungsbereich für Top-Manager.

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